Die Objekte der Begierde werden langsam vom Oberdeck abgelassen. Zehn Augenpaare starren erwartungsvoll nach oben, und die dazugehörigen Kinder versuchen, sich eine gute Startposition zu sichern. Die einen sind schon mal von der Reling in die Adria gesprungen, die andern stehen noch auf der Leiter, die vom Schiff ins Wasser führt. Alle möchten eines der begehrten gelben Kanus entern. Mathieu und Tibeau, die beiden belgischen Brüder, machen das Rennen. Fürs Erste jedenfalls. Gerard, der selbstbewusste neunjährige Spanier, steigt einfach zu Mathieu dazu und nicht wieder aus.
Badestopp in das unglaublich blaue Meer irgendwo in der süddalmatinischen Inselwelt. Wir sind unterwegs auf der San Snova, einem Motorsegler, der jeden Tag an einem anderen Hafen an der kroatischen Küste und zwischendrin in den schönsten Badebuchten ankert. Eine Ferienwoche lang vergehen die Tage mit kleineren Radtouren, mit Lektürestunden auf den Liegestühlen des Achterdecks oder wohligem Räkeln auf den weichen Matten des Sonnendecks, mit Bummeleien durch die venezianisch geprägten Hafenstädtchen und Streifzügen mit dem Schnorchel. Dreimal am Tag speisen wir im Salon und nicht in der Kajüte – die San Snova ist zwar kein vornehmes, aber ein sehr komfortables Schiff.
Mathieu und Tibeau samt ihrem hartnäckigen Mitfahrer sind längst Richtung Ufer abgezogen. Ihr Vater randaliert dagegen auf der Schwimminsel und unterhält die übrigen Kinder mitsamt ihren zuschauenden Eltern vortrefflich. "Oh my God, I come from Belgium" ist sein Schlachtruf, während er ein fröhlich kreischendes Kind nach dem andern ins Meer schubst. Die Revanche folgt prompt.
Möglicherweise ist der fidele Belgier im wirklichen Leben ein seriöser Finanzbeamter, doch auf dem Schiff ist er alberner als sämtliche Kinder zusammen. "Oh my god" wird zum geflügelten Wort an Bord. Wir können heute noch die Steinmetzschule von Pucisca besichtigen? "Oh my god", antwortet ein fröhlicher Chor aus 35 Passagieren dem Reiseleiterteam, als die beiden vor dem Abendessen noch einen Programmpunkt ankündigen. Die 16 Kinder aus Belgien, Holland, Deutschland und Spanien passen alle um den größten Tisch und genießen es jeden Tag mehr, außerhalb der Reichweite elterlicher Ermahnungen zu sitzen.
"Die Verständigung klappt sehr gut. Auf Englisch oder gar nicht." So lautet Vincents Fazit nach dem ersten Tag. Mein zehnjähriger Sohn sagt das ohne Ironie. Vermutlich hat er "wortlos" gemeint, als er " gar nicht" gesagt hat. Mit seinem Grundschulenglisch kommt er jedenfalls nicht weit, was seinen Altersgenossen ähnlich geht. Doch mit Gerard hat Vincent beim Sandburgen-Träufeln an Splits Stadtstrand trotzdem Spaß gehabt. Ball spielen kann man auch ohne Fremdsprachenkenntnisse, und für das Kartenspiel Uno ist die Beherrschung des Wortes Uno völlig ausreichend.
Das Leben, ein Wettstreit. Nicht nur beim alltäglichen Zu-Wasser-Lassen der Kanus will jeder Kurze der Erste sein. Beim Radfahren ist es ähnlich, die Kinder drängeln nach vorn. Dabei ist doch alles andere als Hektik angesagt. Es dauert sowieso eine Weile, bis die Räder und die Kindertrailer von den Matrosen nach unten gehievt und sämtliche Kindersitze montiert sind. Unsere Reiseleiter Ivana und Mario lassen sich ohnehin durch nichts aus der Ruhe bringen.
Wir radeln auf der Insel Korcula die Küste entlang und kommen auf der sanft gewellten Strecke nie außer Atem. Auch Hvar durchqueren wir gemächlich, haben Zeit, hier einen Kaffee zu trinken, dort eine Flasche Olivenöl zu kaufen und uns unter einer Pinie dem Klang des Südens zu überlassen: Zikaden allenthalben. Die Insel Mljet erkundet jeder auf seine Weise: Durch den Nationalpark mit seinen duftenden Kiefernwäldern führt ein stiller Rundkurs, vorbei an mal türkis, mal smaragdgrün, mal azurblau leuchtenden Salzseen. Wir haben die Badesachen in die Satteltaschen gepackt, und Vincent freut sich über jeden Fisch und jede Seegurke, die er beim Schnorcheln vor die Taucherbrille bekommt.
Die Unterwasserwelt ist überhaupt die Sensation. Kanu fahren ist super, schnorcheln noch viel besser. Vincent jagt den einzelnenen Fischen nach, kann nicht genug davon kriegen, das Leben an den Felsen zu erkunden, entdeckt Schwärme, die wie Tropfen im Wasser glitzern. Sein Glück ist perfekt, als ich ihn, selbst ganz fassungslos, auf einen springenden Delfin aufmerksam mache. Dass der Delfin gar keiner war, sondern ein Thunfisch, wie Kapitän Toni später aufklärt, schmälert unser Erlebnis kein bisschen. Ginge es nach Vincent, müssten wir abends nach dem Essen das Boot nicht unbedingt verlassen. Ivana, die junge Reiseleiterin, wird zum überzeugenden Argument, dass er doch mit zur Stadtführung kommt. Der frisch diplomierten Architektin, die in Deutschland lebt und aufgewachsen ist, hört Vincent gern zu. Sie trifft für Kinder und Erwachsene den richtigen Ton. Und lässt uns an ihrer Faszination für die Fischgrätenstruktur der Gassen von Korcula teilhaben, die so trefflich den Wind abhalten. In der prächtigen Altstadt von Split zeigt sie uns eine antike Säule, die einfach so zwischen den Schreibtischen in einer Bankfiliale steht. "Wir haben so viele davon, dass wir nicht jede einzelne Säule einzäunen oder ausstellen können", kommentiert sie trocken. Bei den ersten Rundreisen in der Heimat ihrer Eltern war sie selbst überwältigt davon, wie viele Gebäude hier die Jahrhunderte überdauert haben, erzählt Ivana.
Der Rummel in den Städten, in denen die Schiffe in Fünferreihen hintereinander vertäut am Kai liegen, ist anregend und manchmal anstrengend. Die Lautstärke an der Hafenpromenade ebenfalls. Erst das leise Surren der Klimaanlage säuselt uns auf dem Boot in den Schlaf. Wir schätzen nur den Lärm, den wir selbst machen. Beim Raften auf dem Fluss Cetina, der bei Omis ins Meer mündet, kreischen wir hysterisch, als wir von einem kalten Wasserfall erwischt werden. Die Passagiere der San Snova sind auf verschiedene Schlauchboote verteilt, jedes Boot eine andere Nationalität. Wir jauchzen vor Angstlust, als wir durch Stromschnellen sausen.
Synchron zu paddeln, auf die Kommandos des Steuermanns zu hören, ist das eine. Aber zudem muss man sich immer wieder unter den Zweigen der Bäume ducken, will man die hohen Felsen des Canyons und das Grün der Flusslandschaft würdigen. Und soll gleichzeitig darauf achten, dass das Kind immer vorschriftsmäßig die Füße in den Schnüren am Boden des Schlauchboots eingehakt hat. Und jetzt kommen auch noch die Belgier, oh my God. Auf sie mit Gebrüll! Am Ende sind wir alle nass. Diejenigen, die in der Cetina baden gegangen sind, sowieso. Und auch wir anderen haben genügend Wasser abbekommen.
Könnte man meinen. Zwei Stunden später ist die Schlacht auf der Schwimminsel schon wieder in vollem Gang. Vincent hat endlich ein Kanu ergattert. Oh my god.
Bild und Text:
Stuttgarter Zeitung